Die
Niedersächsische Staats- und Universitäts-Bibliothek Göttingen
führt unter der Signatur "Philos 85" ein Büchlein, das große Bedeutung für die Schachgeschichte hat.
Es
ist eines der frühesten Belege, die wir über das Schachspiel in
seiner jetzigen Form zur Verfügung haben.
Die heutige Gangart der
Schachfiguren hat sich im wesentlichen in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrhunderts eingebürgert.
Die entscheidenden Schritte waren, dass der schwerfällige Wesir,
der nur je ein Feld in diagonaler Richtung ziehen konnte, durch
die Dame abgelöst wurde und der Alfil, der diagonal nur auf das
übernächste Feld springen durfte und damit überhaupt nur insgesamt
8 Felder des Schachbrettes betreten konnte, sich zu unserem
heutigen Läufer entwickelte.
Nur die Rochade gab es noch nicht in ihrer gegenwärtigen Form und
auch für die Bauernumwandlung und das
En-passant-Schlagen wurden
erst später einheitliche Regelungen gefunden.
Die Göttinger Handschrift enthält
12 Partieanfänge mit den neuen Schachregeln und 30 Schachaufgaben,
unter denen auch welche sind, bei denen noch die alten Regeln angewendet werden.
Die "Erste Regel"
(nebenstehend die Übersetzung aus dem
Latein) beschreibt
einen Partieanfang, der in moderner Darstellung so aussieht
1.e4 e5 2.Sf3 f6 3.Sxe5 fxe5 4.Dh5+ Ke7 5.Dxe5+ Kf7 6.Lc4+ d5 7.
Lxd5+ Kg6
8. Dg3+ Dg5 9.Db3 Dxg2 10.e5....
Die Göttinger Handschrift
beschreibt die Züge umständlich, ganz ähnlich, wie das zuweilen
noch bis in die achtziger Jahre in der angelsächsischen
Schachliteratur in abgekürzter Form geschah.
Auch wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, kein Latein gelernt
hat, hat seine Freude daran, den Partieverlauf aus dem Text der
Göttinger Handschrift herauszufinden:
Z.B. auf unserer Abbildung in der zweiten Zeile "pedonem regis ad
quatuor punctos numerando de domo regis" ist ja wohl 1.e4 ("Den
Königsbauer auf den vierten Punkt im Hause des Königs", denke ich
mal.) und "Euer Gegner zieht gleichfalls so" ist 1...e5 usw.
Die beiden bedeutendsten Schachhistoriker des vorigen
Jahrhunderts, der holländische Philosoph Antonius van der Linde
und der deutsche Diplomat Tassilo von der Lasa, waren
übereinstimmend der Meinung, die Göttinger Handschrift sei die älteste
erhalten gebliebene Quelle, die das neue Schach mit Dame und
Läufer behandelt.
Das ist heute umstritten.
Führende Schachhistoriker der Gegenwart sind der Meinung, ein 1496
oder 1497 in Spanien erschienenes Buch von Lucena, das
durch Tassilo von der Lasa bekannt wurde, sei älter als die
Göttinger Handschrift, die man nicht so genau datieren kann.
Das Hauptargument ist, dass in Partieanfängen und Problemen, die
in beiden Büchern vorkommen, Fehler, die es in Lucenas Buch gibt,
in der Göttinger Handschrift nicht mehr vorkommen und dass darin
auch einige Varianten verbessert wurden.
Daraus wird geschlossen, dass der Verfasser der Göttinger
Handschrift u.a. bei Lucena abgeschrieben habe und dabei eigene
Verbesserungen angebracht habe.
Das klingt einleuchtend, ist aber nicht zwingend, zumal ein großer
Teil der Partieanfänge in beiden Werken unterschiedlichen
Varianten gewidmet ist.
Über die Herkunft der Göttinger
Handschrift weiß man nicht viel.
Die Anrede "dominatio" in der ersten Zeile deutet darauf hin,
dass sie für einen Fürsten angefertigt wurde. Das hat zu
Spekulationen verführt.
Z.B. wird der damals bekannteste fürstliche Schachspieler, Karl
der Kühne von Burgund (gefallen in der Schlacht von Nancy 1477),
damit in Zusammenhang gebracht; er soll sie von König Alfons V.
von Portugal geschenkt bekommen haben.
Meine Phantasie wird eher angeregt durch die freigehaltene Stelle
am unteren Rand der ersten Seite (s. Abbildung): Es sieht
ganz so aus, als sei geplant gewesen, dort ein Wappen einzufügen.
Und da es am Ende des Büchleins noch drei schon linierte freie
Seiten gibt, von denen zwei mit leerem Diagramm versehen sind,
scheint es mir so, als sei kurz vor der Fertigstellung etwas
dazwischen gekommen und der Fürst, für den das Buch bestimmt war,
hat es nie bekommen. Vielleicht ist uns dieses herrliche
Schriftstück erhalten geblieben, weil es nie in einer fürstlichen
Schatzkammer lag, sondern mehr oder weniger unbeachtet geblieben
ist.
Sicher ist nur: die Göttinger
Universitätsbibliothek hat die Handschrift im September 1752 von
Dr. med Fr. Boerner geschenkt bekommen. Vorn im Buch kann man
dessen Widmung lesen. Ganz oben darüber befindet sich der
Schriftzug 'J. B. Hautin', offensichtlich der Name eines früheren
Besitzers.
Namen sagen uns nicht viel.
Schachspieler sprechen zu uns mit ihren Zügen; und da kann sich
der Verfasser der Göttinger Handschrift durchaus sehen lassen.
Als Vergleich sei hier die Hauptvariante des oben angegeben
Partieanfanges bei Lucena mitgeteilt
(entnommen
aus: H.J.R. Murray, A History of Chess, Oxford 1962):
1.e4 e5 2.Sf3 f6 3.Sxe5 fxe5 4.Dh5+ Ke7 5.Dxe5+ Kf7 6.Lc4+ d5
7.Lxd5+ Kg6 8.Dg3+ Kf6 9.Df4+ Kg6 10.Df7+ Kg5 11.d3+ Kg4 12.Df3+
Kh4 13.g3+ Kh3 14.Dh5+ Kg2 15.e5+
Lucena übersieht ein einzügiges Matt (10.Lf7) und bezeichnet
seinen letzten Zug 15. e5+ als "matt", obwohl 15.Dxd5 mit
Gewinnstellung für Schwarz möglich ist.
Dagegen war der Verfasser der
Göttinger Handschrift vor 500 Jahren offensichtlich ganz auf der
Höhe seiner Zeit. Seine "Octana Regula"
beschreibt eine Partie mit
modern anmutenden Angriff und Gegenangriff:
1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.Lc4 f5 4.d3 f4
5.d4 Df6 6.Sc3 c6 7.h3 Le6 8.d5 Ld7 9.dxc6 bxc6 10.b4 Le6 11.Lb3
Sh6 12.Lb2 a6 13 Tf1 Sf7 14.Kg1 (Rochade in zwei Zügen) 14...Le7
15.Lxe6 Dxe6 16.a4 g5 17.Sh2 h5 18.f3 Sh6 19.b5 Tg8 20.De2 g4
21.fxg4 hxg4 22.Sxg4 Sxg4 23.hxg4 Txg4 24.bxc6 Sxc6 25.Sd5 Ld8
26.c4 Ta7 27.Tf2 Th7 28.Dd1 Dh6 29.Kf1 Dh5 30.Df3 Dg6 31.Dd3 Th1+
32.Ke2 Txa1 33.Lxa1 Txg2
(entnommen aus A. van der Linde, Geschichte und Literatur des
Schachspieles I, 1874)
Vielleicht etwas umständlich,
aber ohne grobe Fehler. Wenn da nicht, den damaligen Regeln
entsprechend, die weiße Rochade in zwei Zügen (13. und 14. Zug)
durchgeführt worden wäre, dann könnte auch bei uns in der
Bezirksliga solch eine Partie mit Bauernsturm gespielt
worden sein.
Es ist schon schön, dass wir so
'was Feines hier bei uns in Niedersachsen liegen haben!